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Supermenschen dank Digitalisierung?

Die Digitalisierung entwickelt sich in rasantem Tempo. Da könnte man meinen, dass die Menschen schon bald als Superwesen herumliefen. Doch Markus Diesmann und Robert Riener winkten an der Lilienberg-Veranstaltung von Mitte November ab: Noch bestünden Probleme, die fast unüberwindbar sind. Bei der Künstlichen Intelligenz gebe es allerdings Bereiche, bei denen der Computer den Menschen überholt hat.

1941 baute Konrad Zuse den ersten Computer Zuse Z3. Ein damaliger IBM-Chef ging davon aus, dass es weltweit einmal einen Bedarf an fünf Computern geben werde … Ab 1970 entstanden die ersten Personalcomputer, und knapp 20 Jahre später kam das Notebook auf den Markt. Die Meilensteine in der Entwicklung der Digitalisierung wurden zeitlich immer kürzer, denn 2007 ging das erste iPhone über den Ladentisch, und fünf Jahre später entstanden Computersysteme, die während der Anwendung am Körper des Benutzers befestigt werden. «Macht uns die Digitalisierung schon bald zum Supermenschen?», fragte Heinz Bachmann, Dozent an der Pädagogischen Hochschule Zürich und Beauftragter für das Aktionsfeld Bildung & Sport des Lilienberg-Unternehmerforums in Ermatingen.

Die beiden Referenten Prof. Dr. Markus Diesmann und Prof. Dr. Robert Riener waren sich einig: Der erste Supermensch wird nicht schon morgen unter uns sein. Diesmann, Direktor des Instituts für Neurowissenschaften und Medizin am Forschungszentrum Jülich (Deutschland), sagte: «Der Mensch wird nicht so schnell ersetzt. Man kann nicht einfach einen Chip ins menschliche Hirn einsetzen.» Und Riener, Leiter des Departementes Gesundheitswissenschaften und Technologie der ETH Zürich, führte aus: «Das „Ersatzteillager“ Mensch wächst, aber es macht uns noch nicht zum Supermenschen.» Künstliche Intelligenz erleichtere den Alltag, erlaube aber nicht supermenschliche Fähigkeiten, die den Menschen einmal dominieren würden, sagte er.

Batterien der Prothesen entleeren sich rasch
Riener sprach hingegen von etlichen Prothesen, die behinderten Menschen eine wertvolle Hilfe sind wie beim Gehen, Aufstehen oder bei einfachen manuellen Bewegungen. Im Mai 2012 schaffte eine querschnittgelähmte Frau den London-Marathonlauf, benötigte aber mit grosser Anstrengung viel Zeit, um die Distanz zu bewältigen. «Diese Prothesen sind zu klobig, zu schwer, zu schwach, und die Batterien sind rasch aufgebraucht» meinte Riener.

Weiter fortgeschritten ist die Technik laut Riener bei der Künstlichen Intelligenz. Darunter versteht er einen Computer, der so programmiert ist, dass er eigenständig Probleme bearbeiten kann. Er erinnerte an den Schachcomputer Deep Blue, der 1997 den Schachweltmeister Garri Kasparow bezwang. Oder Libratus, der hochkarätig besetzte Poker-Turniere gewinnt und in der Lage ist, zu bluffen und das Blatt des Gegners richtig zu interpretieren.

Die ETH Zürich berechnet ein exponentielles Wachstum der Daten in den Bereichen Genomics, Nanotechnologie und Robotik. Bereits ab 2045 soll die «Maschinenintelligenz» leistungsfähiger sein als sämtliche menschliche Intelligenz zusammen. Doch Riener gab zu bedenken. «Das Wachstum von Daten bedeutet nicht, dass Wissen in diesem Bereich in gleichem Masse steigt.» Als Vergleich nahm er die Mondlandung: Viele Leute brachen in Euphorie aus und glaubten, man könne schon bald mit Menschen auf dem Mars landen.

Gefahren und Bedenken bei der Digitalisierung
Riener verharmloste die Entwicklung der Digitalisierung jedoch nicht. Er wies auf fahrlässige Programmier- und Nutzungsfehler hin, sprach vom vorsätzlichen Missbrauch, von Fake News und von der Abhängigkeit der modernen Technik. Es gibt viele Menschen, die ohne ihr Handy in der Hand nicht ruhig leben können.

Eine ganz bestimmte Angst hält sich bei der Digitalisierung hartnäckig: Nehmen Roboter dem Menschen die Arbeit weg? «Seit es die Technik gibt, besteht die Angst, dass dadurch Arbeit verloren geht. Doch das Arbeitsvolumen nahm trotz Technikgewinn in industrialisierten Ländern zu, es wurden jedoch neue Arbeitsbereiche geschaffen», führte Riener aus. Er betonte, es gebe ständig berufliche Veränderungen und appellierte an eine stetige Lernbereitschaft. Er wandte sich an die anwesenden Pädagogen und sagte: «Zwei von drei Schülern, die heute in die Primarschule gehen, übernehmen einmal einen Job, den es heute noch gar nicht gibt!»

Das menschliche Gehirn besser verstehen
Bei «Human Brain Project» (HBP) forschen Wissenschaftler aus 23 Nationen. Unter ihnen wirken Prof. Dr. Markus Diesmann, Direktor des Instituts für Neurowissenschaften und Medizin am Forschungszentrum Jülich (Deutschland), sowie Wissenschaftler aus den Bereichen Hirnforschung, Informatik, Physik und Mathematik. Die Vision ist: Das menschliche Gehirn durch Simulation verstehen.

Diesmann arbeitet an der Schnittstelle zwischen medizinischer Forschung und Simulationstechnologie. Er untersucht die Prozesse im Gehirn, indem er zum Beispiel vereinfachte Modelle der Nervenzellen entwickelt und ihre Aktivitäten und ihre Kommunikation untereinander simuliert. Anhand von Daten kann er sein Modell zunehmend verfeinern und sich so dem realen Netzwerk des Gehirns nähern.

Die gesamte Forschergruppe will innerhalb der nächsten zehn Jahre die Zusammenhänge von der einzelnen Zelle bis hin zur Interaktion grosser Zellverbände und Hirnareale besser verstehen. Man erhofft sich, dadurch einmal Krankheiten früher diagnostizieren und gezielter therapieren zu können.

Auf dem Bild von links: Prof. Dr. Robert Riener, Dr. Heinz Bachmann und Prof. Dr. Markus Diesmann.