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Freiwilligenarbeit macht glücklich

Unter dem Titel „Einheit in Vielfalt – Gemeinsinn wozu“ diskutierten die Teilnehmer zum Tag der Freiwilligen im Pfalzkeller St.Gallen über die Bedeutung der Freiwilligenarbeit für die Gesellschaft. Die Tagung wurde von der Gemeinnützigen Gesellschaft St.Gallen (ggksg) organisiert.

Die Bereitschaft, sich für die Gesellschaft zu engagieren, nimmt ab. In St.Gallen sank sie vor allem beim Engagement in Behörden und Vereinen in den letzten Jahren um über 50 Prozent. Gleichzeitig zitierte Hubertus Schmid, Präsident der Gemeinnützigen Gesellschaft St. Gallen, aus dem Gemeinwohlatlas, für den über 14'000 Menschen in der Schweiz befragt wurden. Demnach sorgen sich fast dreiviertel aller Befragten um den Gemeinsinn und befürchteten, dass er an Bedeutung verliert, obwohl sie seine Wichtigkeit anerkennen. Vor zwei Jahren äusserten erst 60 Prozent diese Befürchtungen.

Die Freiwilligenarbeit funktioniert als gesellschaftlicher Kitt. Artikel 6 der Bundesverfassung lautet: Jede Person nimmt die Verantwortung für sich und die Gesellschaft war und trägt nach ihren Kräften zur Bewältigung der Aufgaben von Staat und Gesellschaft bei. Diese Aufforderung zum Beitrag an das Gemeinwohl findet sich auch in Artikel 6 der kantonalen Verfassung wieder, die lautet: Jede Person nimmt die Verantwortung für sich selber wahr und trägt nach ihren Kräften zur Bewältigung der Aufgaben von Staat und Gesellschaft bei.

Ein Dienstjahr für alle
Doch was hindert die Menschen an zunehmend an einem Engagement zugunsten der Allgemeinheit? Berufliche Verpflichtungen, attraktive Alternativen, die Wirtschaft, die Frauen und Fachkräfte im Sektor der bezahlten Arbeit braucht? Oder fehlen doch eher Anknüpfungspunkte? Gilt Gemeinsinn schon von der Begrifflichkeit her als unmodern? Die Diskussion um den Begriff war auch unter den Teilnehmern der Tagung intensiv. Dass gemeinnütziges Verhalten wichtig ist, zeigen auch die Überlegungen von Regierungspräsident Fredy Fässler über die Einführung einer einjährigen Dienstpflicht für alle Menschen, die in der Schweiz wohnen. Die Idee für ein soziales Jahr zugunsten der Gemeinschaft ist nicht neu, aber sie hat viel für sich. Es wäre eine Art Freiwilligenarbeit mit Nachdruck und bestimmt integrativ für Ausländer, aber auch Schweizer, die sich von der Gesellschaft abkapseln. „Als wir 2015 durch den plötzlichen Anstieg der Flüchtlinge fast überfordert wurden, baten wir als Kanton den Zivilschutz um Hilfe. Der war skeptisch, doch als es soweit war, leisten die Zivildienstleistenden weit mehr, als wir erwartet hatten. Sie entwickelten sogar Eigeninitiative und boten beispielsweise Deutschkurse an.“

Die St.Galler Regierung sieht im gesellschaftlichen Engagement der Bürger ein zentrales Anliegen. Deshalb gehört die Freiwilligenarbeit auch zu den Schwerpunkten der Regierungsarbeit von 2017 – 2027. Fredy Fässler schlussfolgert: „Es stimmt, was Studien bestätigen. Freiwilligenarbeit macht glücklich. Man erreicht gemeinsam etwas Positives für die Gesellschaft.“ Der Wert der Freiwilligenarbeit ist für Fredy Fässler eine Frage der Perspektive und Erwartung. „Wenn ich frage, was für mich herausschaut, heisst die Antwort: Man wird nicht reicher, aber man bekommt die Chance auf persönliches Glück.“

Im Anschluss an Fredy Fässler vertiefte Hubertus Schmid die Überlegungen zum Gemeinwohl. Für ihn ist es ein Grundpfeiler für eine funktionierende Schweiz. „Der Gemeinsinn ist einem Land mit einem Milizsystem, mit Freiwilligen in Behörden und Vereinen, ebenso wichtig wie die direkte Demokratie und der Föderalismus.“ Die Vielfalt der Schweiz, aber auch die Freiheit und die Freiheitsrechte, würden dynamischen Prozessen unterliegen. Aber immer bleibe die Frage: wieviel Gemeinsamkeit braucht ein friedliches Zusammenleben? „Die Vorstellungen gehen auseinander und zwar von der Forderung der Integration aller in eine Leitkultur, die ihre Identität aus der Ausgrenzung bezieht, bis hin zur Vorstellung, dass die Schweiz eigentlich nicht existiert und die Identität – wenn überhaupt – in der Vielfalt liege.“

Für Hubertus Schmid ist aber zwischen einem höflichen und friedlichen Nebeneinander und einem konstruktiven Miteinander, das einen erfolgreichen Staat ausmache, ein grosser Unterschied. Und diese Lücke könne der Staat nicht füllen. Denn sowohl die Freiheit als auch der gesellschaftliche Zusammenhalt würden von Faktoren abhängen, die der Staat nicht garantieren könne, wenn er den freiheitlichen Rahmen erhalten wolle. Anstand, Respekt, Fairness, Treu und Glauben, Dankbarkeit, Demut und Loyalität seien Werte mit altertümlichem Klang, aber dennoch unverzichtbar für das menschliche Zusammenleben. Und sie können weder gesetzlich geregelt, noch verordnet werden. Hubertus Schmidt stellt fest: „Es braucht also eine geistige Grundhaltung, die der Individualität und Pluralität und damit dem Wohl unserer modernen Gesellschaft den Boden bereiten. Die Basis dazu ist die Erkenntnis: Es gibt kein ich ohne wir und kein wir ohne ich.“

Hubertus Schmid zog am Beispiel der Musik einen Vergleich für das Zusammenspiel zwischen Individuum und Gesellschaft. „Kammermusiker spielen ihre Instrumente und finden gleichzeitig über ihr Gehör, ihre Gesten und Blicke zueinander. Jedes Instrument gibt Töne von sich. Erst durch das feine Band, das die Musiker verbindet, wird aus dem Spiel Musik.“