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Fund der Woche: Allmend

Die gemeinsame Bewirtschaftung von Allmenden hat in den Alpen eine jahrhundertealte Tradition. Die Bergler bewiesen dabei, dass Menschen in der Lage sind, für komplexe Probleme gemeinsame Lösungen zu finden – was für viele moderne Wirtschaftswissenschaftler als unmöglich galt.

von Urs Fitze, http://fundus-agricultura.wiki

Im Jahr 1205 verpflichten sich die Bauern der Gemeinde Semione im Bleniotal zum Unterhalt der Brücke Samino bei Campo Blenio auf Gebiet der Gemeinde Olivone. Sie muss das Gewicht von Zugochsen, Kühen und Pferden tragen können. Die Brücke sichert den Zugang zu den Alpen Berneggio und Camadra. Letztere hat das Patriziat Ghirone dem Patriziat Semione zur Bewirtschaftung verpachtet. Die Pächter sollen selbst besorgt sein für den Brückenunterhalt. Dieses auf der Selbstbestimmung der Bürger (patrizi) beruhende Gemeinwesen regelte die öffentlichen Angelegenheiten und die Gerichtsbarkeit im Tal.

Die Patriziate entstanden um die erste Jahrtausendwende, als es gelang, sich allmählich aus den Fesseln der kirchlichen und weltlichen Feudalherren zu befreien und eine weitgehende Selbstbestimmung zu behaupten. In die Geschichte eingegangen ist der 1182 beschworene "Eid von Torre", in dem Blenieser und Leventiner sich jeglicher äusseren Gerichtsbarkeit verweigerten. Die Patriziate gingen in der modernen Schweiz in die Ortsbürgergemeinden über. Heute sind vieler dieser einstmals stolzen, selbstbewussten Patriziate im Bleniotal überaltert, die Bevölkerung ist stark geschrumpft, und die so enge Bindung an die Land- und Alpwirtschaft wird allmählichen zur fernen Erinnerung.

Jeder Grashalm zählte
Die über achthundert Jahre alte, damals nur mündlich geschlossene Vereinbarung zwischen den Patriziaten Ghirone und Semione hat sich dank schriftlich festgehaltener Zeugenaussagen in einem Rechtsstreit erhalten, bei dem es um Nutzungskonflikte um Weiden, Äcker und Alpen im Bleniotal ging. Es ist einer der ersten schriftlichen Belege zur Alpnutzung im Bleniotal überhaupt. Die erhaltenen Akten zeigen eine offenbar schon über Generationen entwickelte Landwirtschaft, in der Besitz und Landnutzung bis ins kleinste Detail geregelt waren. Die Alpen spielten eine zentrale Rolle. Bestossen wurden sie primär mit Kühen, aber auch Schafe, Schweine und Ziegen wurden gesömmert. Manche Voralpen durften erst nach dem ersten Heuschnitt beweidet werden, Pferde und Ochsen wiederum hatten auf einigen Alpen ausdrückliches Weideverbot. Es kam auf jeden Grashalm an. Die sich wie ein roter Faden durch das Mittelalter ziehenden Konflikte um die Nutzung des kargen Landes liessen sich letztlich erst lösen, als in einem eigentlichen Wettrennen im Spätmittelalter zunehmend Alpen jenseits der Bergketten auf der unter weniger Bevölkerungsdruck leidenden Bündner- und Urnerseite erworben wurden.

So erwarb das Blenieser Patriziat Aquila 1494 die Alprechte der Alp Greina. Die Verkäuferin, die Talgemeinde Lugnez, bedingte sich das Recht heraus, so viele Pferde während 60 Tagen auf der Alp zu sömmern, wie sie im Winter beherbergen konnte. Damit waren Pferde gemeint, die vor allem als Saumtiere benötigt wurden. Für den Weiterverkauf bestimmte Zuchtpferde waren von der Sömmerung ausgeschlossen. Die Zahl der gealpten Pferde auf der Greina soll in früheren Jahrhunderten in die Hunderte gegangen sein. Beweidet wurde dabei aber fast nur der flache Talgrund, der als ideales Pferdeterrain galt. Die Hänge überliess man den Tessiner Rindern und Schafen. Damit, so glaubten die Lugnezer, hätten sie den Fünfer und das Weggli gewonnen: Den von Aquila zu leistenden, "ewigen" Zins und die besten Weidegründe auf der Greina. Jahrhundertelange Streitereien um diese Zinsverpflichtung waren die Folge, immer neue Kompromisse wurden geschlossen. Es waren Konflikte, wie sie typisch sind für die gemeinschaftliche Nutzung der Allmenden.

Die Menschen schaffen das
«Denn die Welt ist kompliziert», pflegte Elinor Ostrom zu sagen, «aber die Menschen können damit umgehen. Man muss sie nur lassen.» Die 2012 verstorbene Politikwissenschaftlerin und Nobelpreisträgerin hatte ihr Forscherinnenleben den Gemeingütern gewidmet und dabei mit einem weit verbreiteten Bild aufgeräumt: Der Tragik der Allmende. Danach seien alle Versuche, ein Gemeingut gemeinschaftlich zu bewirtschaften, zum Scheitern verurteilt, weil der Mensch dazu neige, überhöhte Ansprüche zu stellen. Deshalb brauche es, je nach ideologischem Standpunkt, entweder den Staat oder die Privatwirtschaft, um diese Dinge nachhaltig zu regeln. Ostrom gab sich mit dieser stark vereinfachten Vorstellung nicht zufrieden und suchte weltweit nach Beispielen einer erfolgreichen Bewirtschaftung von Allmenden. Sie wurde fündig, unter anderem im Walliser Bergdorf Törbel: Dort hatte sich im Spätmittelalter ein System der Bewirtschaftung der Alpweiden und Wälder etabliert, das im wesentlichen bis in die heutige Zeit Gültigkeit hat und den Bewohnerinnen und Bewohnern des Dorfes bis ins späte 20. Jahrhundert hinein die Selbstversorgung ermöglichte, ohne entscheidend an den Ressourcen zu nagen.

Jeder Viehhalter war berechtigt, seine Tiere zu alpen. Limitierend wirkte die Winterregel: Danach durfte nur soviel Vieh gesömmert werden, wie im Winter eingestallt worden war. Die Bauern waren gehalten, die Sennen für ihre Arbeit anteilsmässig zu entschädigen oder selbst Hand anzulegen, die Erträge in Form von Käse wurden redlich geteilt. Ähnliche Regeln galten für den Forst. Sie waren kompliziert, aber notwendig. Im Streitfall sorgten Schlichter und Entscheider auf verschiedenen Stuben für die Durchsetzung der geltenden Regeln – für Elinor Ostrom eine wichtige Voraussetzung für die gemeinsame Bewirtschaftung der Allmende. Vertrauen sei wichtig, sagte sie, die gemeinsame Nutzung von Alpweiden habe nur über Jahrhunderte funktionieren können, weil die Menschen einander vertraut hätten. Und weil sie sich gewehrt hätten gegen jene, die sich nicht an die selbst definierten Regeln hielten. «Dann wächst auch das Vertrauen.» Das Glück der Allmende.