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Mehr Kinderschutzfälle in St.Gallen

Während im Jahr 2016 in allen Bereichen des Kinderschutzzentrums die Neuanmeldungen zurückgegangen sind, steigen die Kinderschutzfälle im aktuellen Jahr wieder stark an. Die Ursachen bleiben unklar. Vermutet wird eine erhöhte Sensibilisierung der Bevölkerung und der Fachleute, aber auch der zunehmende Druck auf Eltern und Kinder mag ein Grund sein.

«Wir stellen fest, dass sich wieder vermehrt Fachleute melden, denen Kinder erzählt haben, dass sie geschlagen wurden. Das Thema Körperstrafen ist immer noch aktuell», erklärt Dolores Waser Balmer, Vorsitzende der Geschäftsleitung des Kinderschutzzentrums. Während vor allem schwere Misshandlungen mit sexuellem Hintergrund die Medien aufhorchen lassen, dringen die vermeintlich weniger gravierenden Fälle selten an die Öffentlichkeit. Doch gerade Körperstrafen hinterlassen bei Kindern und Jugendlichen tiefgreifende seelische Spuren und scheinen trotz zahlreicher Initiativen und Präventivmassnahmen weiterhin in der Schweiz an der Tagesordnung zu sein.

Das Komitee für Kinderrechte der Vereinigten Nationen (UNO) definiert Körperstrafen als bewusste Anwendung physischer Kraft, um dem Kind mit Absicht Schmerz oder Unbehagen zuzufügen. «Häufig äussert sich das im Schlagen von Kindern mit der Hand oder mit Gegenständen wie Gürtel, Schuhen oder anderen. Als Körperstrafe wird aber auch bezeichnet, wenn ein Kind getreten, geschüttelt, verbrennt oder dazu gezwungen wird, etwas zu schlucken», erklärt Dolores Waser Balmer.

Ursache für hohe Fallzahlen unklar
André Baeriswyl-Gruber leitet die Beratungsstelle In Via des Kinderschutzzentrums. Für die hohen Fallzahlen in diesem Jahr gibt es noch keine schlüssige Erklärung: «Es können verschiedene Faktoren eine Rolle spielen. Einerseits ist die Öffentlichkeit durch die mediale Berichterstattung über die Arbeit der KES-Behörden für das Thema Kinderschutz mehr sensibilisiert. Andererseits spielen sicherlich auch folgende Themen eine Rolle: zunehmender Druck auf Eltern und Kinder, Umgang mit digitalen Medien und, Smartphones, die Medialisierung von Gewalt und stärkere Konsumorientierung.» Für André Baeriswyl-Gruber ist klar, dass dies insgesamt dazu führt, dass Familien immer weniger Inseln im Alltag haben, in welchen sie zur Ruhe kommen und sich erholen können.

Und es gibt Faktoren, die Gewaltanwendung wahrscheinlicher machen, erklärte unlängst Psychologe und Kinderschutzexperte Franz Ziegler im Migros-Magazin: «Stress, eigene Gewalterfahrung, geringe Frustrationstoleranz, gesundheitliche Probleme. Oft sind Eltern auch enttäuscht: Kinder, die den Erwartungen der Eltern nicht gerecht werden, sind häufiger Misshandlungen ausgesetzt – unter anderem Kinder mit Behinderungen.»

Aber Gewalt in der Erziehung war und ist für viele Eltern auch normal, statistisch betrachtet. Fragt man in Studien «Haben Sie Ihr Kind je geschlagen?», antworten 80 Prozent der Befragten mit Ja. Es werden also die meisten Kinder geschlagen. Im Kinderschutzzentrum landen Fälle, die von einer einmaligen Ohrfeige über alle Gewaltformen bis zu schwerster Gewalt an Kindern und Jugendlichen reichen.

Mehr Fachleute suchen Rat
Auch immer mehr Fachleute wie Lehrkräfte, Sozialpädagogen, Spielgruppenleiterinnen und andere Personen, die mit Kindern zu tun haben, melden sich beim Kinderschutzzentrum und fragen nach Rat. «Das Kinderschutzzentrum dient oft als erste Anlaufstelle für Personen, die nicht wissen, wie sie mit bestimmten Situationen umgehen oder an wen sie sich wenden sollen», so Dolores Waser Balmer. Es herrsche zum Teil grosse Unsicherheit bei den Fachleuten. Zum Beispiel, wenn ein Kind seinen Vater besuchen möchte, der jedoch gerade im Gefängnis sitzt. Oder wenn eine Schülerin der Lehrerin anvertraut, dass sie von ihrem Freund sexuell genötigt wurde.

Fast täglich gelangen solche Anfragen per Telefon oder E-Mail ans Kinderschutzzentrum. André Baeriswyl-Gruber: «Es fällt auf, dass das Kinderschutzzentrum vermehrt zur Drehscheibe für Kindesschutzfälle und -fragen wird. In unseren Schulungen machen wir Kinder, Jugendlichen, Eltern und Fachleuten Mut, sich frühzeitig Hilfe zu holen. Das bedeutet auch, einen vagen Verdacht wahr- und ernst zu nehmen und sich dann an das Kinderschutzzentrum zu wenden. So können viel Leid und teure Interventionen vermieden werden.»