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Von Platon, Königen und Despoten

Am diesjährigen Networking-Tag der Fachhochschule St.Gallen wurde die Schweizer Demokratie auf den Prüfstand gestellt. Hochkarätige Referenten und ein humorvoller Moderator haben gestern einen kurzweiligen Freitagnachmittag mit interessanten Erkenntnissen aus Politik, Wirtschaft und Medien geboten.

Die besten Bilder des Anlasses finden Sie hier.

Platon war überzeugt: Ein Staat sei nur dann gut regiert, wenn seine Herrscher der Philosophie nahe stünden. «Doch wie viele Politiker als Philosophen gibt es? Welche Anforderungen braucht es heute für die Politik? Öffnet das schwindende Interesse an der Demokratie Türen für andere Strömungen?» Mit diesen und anderen Fragen eröffnete Sebastian Wörwag, Rektor der Fachhochschule St.Gallen, den 14. Networking-Tag vom Freitag, 7. September, in den Olma-Messen St.Gallen. Der Networking-Tag, der von der Ehemaligen-Organisation FHS Alumni organisiert wird, stand unter dem Motto «Der gute König. Demokratie auf dem Prüfstand».

Wörwag lud die rund 650 Teilnehmer ein, über Demokratie und die Werte, die es für ein funktionierendes Miteinander braucht, nachzudenken. «Klar, es hätte auch 'die gute Königin' heissen können», sagte Sigmar Willi, Leiter der FHS Alumni. Aber das Zitat stamme nun einmal von Platon – und eine gendergerechte Schreibweise war vor 2500 Jahren kein Thema. Moderiert wurde der Anlass von Comedian und Polit-Blogger Michael Elsener, der mit spitzer Zunge und einer gehörigen Portion Humor immer wieder für Lacher im Publikum und auf der Bühne sorgte.

«Die Demokratie wird lebendiger»
Ein Höhepunkt war das Politpodium, das mit FDP-Ständerat Andrea Caroni, SP-Ständerat Paul Rechsteiner, SVP-Nationalrätin Diana Gutjahr, Politaktivistin Flavia Kleiner und Musiker Endo Anaconda hochkarätig besetzt war. Caroni und Gutjahr waren für Petra Gössi (Präsidentin FDP Schweiz) und Roland Rino Büchel (SVP-Nationalrat) eingesprungen, welche die Teilnahme kurzfristig absagen mussten. Bei der Diskussion ging es unter anderem darum, wie das Vertrauen der Bürger in die Politik zurückgewonnen und ihre Beteiligung an der Demokratie gesteigert werden kann. «Es braucht eine staatsbürgerliche Bildung, bei der kritisches Denken gefördert und eine Haltung entwickelt wird», sagte Flavia Kleiner. Auch Diana Gutjahr befürwortet eine politische Bildung, nur sollten die Diskussionen nicht in der Schule stattfinden, sondern «zuhause am Küchentisch». Es sei Aufgabe der Politiker, die Leute fürs Wählen und Abstimmen zu motivieren – «und zwar in Gesprächen und nicht mittels Facebook-Post», sagt die Thurgauer Nationalrätin.

Für die Demokratie sahen die Podiumsteilnehmer keineswegs schwarz. Im Gegenteil. «Die Demokratie wird lebendiger», sagte Andrea Caroni. Dank E-Collecting und E-Voting würden die Menschen künftig wieder verstärkt am politischen Diskurs teilnehmen. Endo Anaconda glaubt, dass die «Zivilgesellschaft den Parteien ziemlich Dampf machen wird», und das sei gut so. Paul Rechsteiner hofft, dass künftig alle, egal woher sie kommen, Chance auf politische Bildung haben. Die Politaktivistin und Co-Präsidentin der Operation Libero, Flavia Kleiner, wünscht sich für die Demokratie der Zukunft: «Kalte Zeiten für nackte Despoten.»

Demokratie gestern, heute und morgen
Historiker Daniele Ganser sprach über die Geschichte der Schweizer Demokratie und wie die politische Macht durch die Einführung der Zauberformel «zerstückelt» wurde. Er lobte den Dialog, «auch bei kontroversen Ansichten, sollte man sich dem Diskurs stellen», und kritisierte die Zusammenarbeit der Schweiz mit «Partnership for Peace (PfP)», dem «Kindergarten der Nato», wie Ganser das Bündnis bezeichnete. PfP sei eine internationale Struktur, welche die USA auferlegt hätten, um zögerliche Länder an die Nato anzugleichen, so Ganser. Wer mit denen kooperiere, könne nicht mehr als neutral bezeichnet werden.

Einen Blick in die Zukunft wagte Nicola Forster, Gründer und Präsident des Think Tank «foraus». In seinem Referat zeigte er auf, wie Demokratie im Zeitalter der totalen Digitalisierung funktionieren kann. Dabei plädierte der junge Visionär für eine Mitwirkungs- statt Abstimmungsdemokratie. «Mit künstlicher Intelligenz etwa können die Staatsdienstleistungen noch stärker auf jeden Einzelnen zugeschnitten werden», sagte Forster. «Doch soweit ist die Schweiz noch nicht.» Es sei aber wichtig, dass «wir diese Kompetenzen selber haben und nicht anderen überlassen».

Die Krise der Medien
Medien spielen in einer funktionierenden Demokratie eine wichtige Rolle. Oft werden sie auch als die «vierte Gewalt» bezeichnet. Doch die Medien stecken in einem tiefen Transformationsprozess, die Medienlandschaft schrumpft. «Es geht in eine Richtung, die uns nicht gefällt», sagt Daniel Binswanger, Co-Leiter Feuilleton des Online-Magazins Republik, der von Christof Moser die Rolle des «Verfechters unabhängiger Medien» übernommen hatte. «Die Mittel werden aus den Medien abgezogen und in andere Bereiche gesteckt. Das ist schlecht für die Gesellschaft und schlecht für die Demokratie.» Marc Walder, CEO und Miteigentümer von Ringier AG, sah das etwas anders: «Medien müssen sich diversifizieren, um eine Zukunft zu haben.» Er ist sich sicher, dass «jene Medien, die heute zu mehr als 70 Prozent vom Journalismus abhängig sind, in zehn Jahren einen schweren Stand haben werden».

Traditionelle Networking-Party
Im Anschluss gab es für die rund 650 Teilnehmer Gelegenheit, sich am warmen Buffet zu stärken, eine Runde Blackjack zu spielen oder bei einem Glas Wein zu diskutieren. Gesprächsstoff dürfte der Nachmittag genügend geliefert haben.

Der nächste Networking-Tag findet am 6. September 2019 unter dem Motto «Schöne neue Welt – eine Gebrauchsanweisung» statt.

Weitere Informationen: www.networkingtag.ch

Auf dem Bild: Moderator Michael Elsener sorgt für lachende Gesichter bei Andrea Caroni, Diana Gutjahr, Flavia Kleiner und Paul Rechsteiner (ab 2.v.l.), während sich Endo Anaconda (links) vor allem dem Publikum widmet.